Die Gesichter des Stader Altstadtlaufs

STADE. Der Stader Altstadtlauf hat nach dem Schneegestöber vor einem Jahr wieder viele Menschen in die Stadt gelockt. Am Sonntag sind 600 Läufer auf die Strecke gegangen, dazu 2000 Schüler. Der Schnellste aber musste auf die Zähne beißen.
Von Tim Scholz und Hans Kall

Er hatte Probleme mit dem Knie, am Sonntag aber biss er auf die Zähne und gewann den Hauptlauf über zehn Kilometer. Nach 36:03 Minuten überquerte Dennis Dodt (43) die Ziellinie am Pferdemarkt und sank erschöpft und glücklich zu Boden. Es war sein zweiter Sieg in Stade. „Den Altstadtlauf kann ich nicht sausen lassen“, sagt Dodt, „Stade ist meine Stadt, der Lauf ist einfach nur Gänsehaut.“ Und anspruchsvoll: „Die Strecke ist sehr kantig und eng, da muss man viel Tempo rausnehmen.“ Im vergangenen Jahr nahm Dodt an 23 Wettkämpfen teil und gewann davon 14. In seiner Altersklasse gehört er zur Spitze Deutschlands. Dodt klagt über wiederkehrende Meniskusprobleme und denkt über eine größere Operation nach.

Vilmos Tomaschewski (Foto) heißt der Doppelsieger beim Stader Altstadtlauf. Sowohl über die 15 Kilometer (53:46 Minuten) als auch mit der Staffel vom Team Fischer aus Bargstedt war der 30-Jährige aus Damendorf bei Rendsburg der schnellste Läufer in Stade. „Ich musste die ersten fünf Kilometer echt Gas geben, dann aber lief es relativ entspannt“, sagt Tomaschewski. Durch den zeitgleichen Start von 15-Kilometer- und 3 x 5-Kilometer-Staffellauf konnte er in beiden Wettbewerben starten. Nach den ersten beiden Runden von Tomaschewski setzten Jakob Wilkens und Udo Feindt die Staffel fort (ihre Zeit: 56:30 Minuten). Tomaschewski drehte weiter seine Runden.

Svea Timm (Foto) strahlte im Zieleinlauf. Mit 44:08 Minuten war die 16 Jahre alte Jorkerin beim Altstadtlauf über zehn Kilometer Bestzeit gelaufen. „Dabei bin ich erst zum zweiten Mal bei so einem Ereignis gestartet.“ Vor dem Lauf habe sie mit ihren Eltern diskutiert, welche Streckenlänge sie in Angriff nehmen sollte. „Ich habe mich für zehn Kilometer entschieden“, sagt die Schülerin der elften Klasse der Buxtehuder Halepaghenschule. Die richtige Entscheidung, Timm lief in der Altstadtrunde souverän auf Platz eins. Die Siegerin ist ohnehin sportlich: Neben dem Laufsport spielt sie Handball beim MTV Wisch und trainiert im Fitnessstudio. „Vier- bis fünf Mal in der Wochen mache ich Sport.“ Ihr nächstes Ziel ist der Halbmarathon in Buxtehude.

Am Sonntag waren 20 Streckenposten in zwei Schichten im Einsatz. Ihren Einstand gab Sigrid Koch (72, Foto), die den Läufern zusammen mit ihrem Mann Jürgen den Weg von der Bäckerstraße in den Park am Burggraben wies, sie mit ihrer Ratsche anfeuerte und die Strecke sicherte. „Mein Mann hat mich angemeldet, es gab zu wenige Streckenposten in diesem Jahr“, sagt Koch. Bei ihrem dreistündigen Einsatz habe es nur eine meckernde Radfahrerin gegeben, die nicht an der Strecke warten wollte. „Ansonsten waren alle Anwohner, Fußgänger und Autofahrer nett.“ Insgesamt hat der VfL Stade, der den Altstadtlauf organisiert, 60 ehrenamtliche Helfer abgestellt.

Katharina Franke (Foto) aus Hamburg tritt den Weg über die Elbe häufig an. „Ich bin gebürtige Buxtehuderin“, sagt sie, „außerdem wohnen meine Eltern dort.“ Auch Stade ist nicht weit, und weil Franke ehrgeizig ist, stand der Altstadtlauf auf ihrer Trainingsagenda. Die Fahrt dorthin zahlte sich aus: Sie war schnellste Frau über 15 Kilometer mit einer Zeit von 1:10:33 Stunden. Die Physiotherapeutin ist schon berufsbedingt sportlich veranlagt, sie stand im Boxring und ist Lizenztrainerin eines Sportclubs in Hamburg. Wettkämpfe im Boxen bestreitet die 27-Jährige nicht mehr nach einer Schulterverletzung. Franke hat andere Ziele: Sie ist Triathletin und möchte die Qualifikation für den legendären Ironman auf Hawaii schaffen. „Das wäre ein Traum“, sagt sie und nimmt den Sieg in Stade als Motivation mit über die Elbe.

Die „Lions“ sind am Sonntag zum vierten Mal beim Stade 21-Lauf der Schulen an den Start gegangen. Bemerkenswert: Dahinter verbirgt sich eine vierte Klasse, die 4 a der Stader Grundschule Campe. 14 Schüler, Klassenlehrerin Lena Steinig (Foto, hinten, rechts) und einige Eltern haben die 2,5 Kilometer lange Strecke geschlossen zurückgelegt – ohne Ausreißer, weder vorne noch hinten. „Beim Lauf der Schulen steht das Gruppenerlebnis im Vordergrund“, sagt Steinig. Die Idee zum Startnamen der Klasse hatte ihr Schüler Fridtjof im Englischunterricht. Knapp 90 Klassen mit 2000 Schülern sind in Stade angetreten.

Laut den Organisatoren des Altstadtlaufs sind 600 Teilnehmer bei den Einzel- und Staffelläufen gestartet – und damit mehr als im April 2016. Damals kamen aufgrund von Schnee und Hagel nur 400 Läufer und wenige Zuschauer in die Stadt. „Dieses Mal hatten wir gute Zahlen bei der Voranmeldung“, sagt Organisator Matthias Meier (Foto, links, mit den Moderatoren Wolfgang von der Wehl und Jens Wiebusch) vom VfL Stade. Schade sei, dass durch den Termin nach den Sommerferien keine ersten Klassen beim Lauf der Schulen gestartet seien. 2018 peilen die Organisatoren einen Termin vor den Sommerferien an. Dann feiert der Altstadtlauf sein 20-Jähriges.

Der Drochterser Martin Kuhlgatz und seine Söhne Pit und Thilo (Foto, in Grün) sind echte Sportskanonen. Beim Altstadtlauf sind die selbsternannten „Kuhlibalis“ als Staffel über 3 x 5Kilometer angetreten und als Fünfte nach 1:14:09 Stunden ins Ziel gekommen. „Eine gute Zeit, jeder ist etwa 24 Minuten gelaufen“, sagt der Papa. Seine Söhne powerten sich anschließend beim Lauf der Schulen aus.

Die Akrobatikgruppe „Young Diamonds“ vom VfL Stade war im Startbereich am Pferdemarkt mit ihren Choreografien nicht zu übersehen. Mit zum Teil dreistöckigen Pyramiden und ihrem Wettkampfbanner präsentierte sich die 21-köpfige Truppe von Trainerin Johanna Zuber den Zuschauern und Teilnehmern. Nach gut vier Stunden auf dem Pferdemarkt war der Tag noch nicht vorbei. Weiter ging es mit einem Auftritt am Nachmittag in Fredenbeck. „Ich freue mich, solche engagierten Sportler zu haben“, sagt Zuber.

Die weiteste Anreise zum Altstadtlauf hatte Philipp Walk. Der zehnjährige Schüler wohnt in Unterpfaffenhofen und startete im Schülerlauf über 2,5 Kilometer. „Ich bin zum ersten Mal gelaufen“, sagt der Knirps, der nach 11,16 Minuten im Ziel war und für den sechsten Platz mit einer Medaille geehrt wurde. Der Junge aus Bayern ist mit seiner Zeit durchaus zufrieden, von Haus aus ist Philipp Fußballer, spielt im linken Mittel-feld in der E-Jugend des Sportclubs Unterpfaffenhofen und schwärmt für den walisischen Nationalspieler Gareth Bale von Real Madrid. Auf die weiteste Anreise angesprochen, lacht Philipp. „Wir haben unsere Oma besucht“, sagt er. Die Familie seines Vaters Andres Holstermann wohnt in Stade. „Da haben wir Ferien gemacht“, sagt der kleine Sportler, „und dann bin ich einfach mitgelaufen.“ Auch seine Medaille wird einen Ehrenplatz im bayrischen Kinderzimmer bekommen.

Bei der Kinderfeuerwehr Stade werden die 15 Mädchen und Jungen nicht nur mit dem Brandschutz konfrontiert, auch sportlich und spielerisch werden die Kinder auf die spätere Arbeit in der Feuerwehr vorbereitet. Beim Stader Altstadtlauf gehörten die „Brandbekämpfer der Zukunft“ zu den Teilnehmern, die beim Schülerlauf über 2,5 Kilometer dabei waren. Und wie es sich für diese kleine Gemeinschaft gehört, liefen die Jugendlichen der Kinderfeuerwehr gemeinsam als Gruppe über die Ziellinie und nahmen freudestrahlend ihre Medaillen entgegen. „Wir sind vor zwei Jahren gegründet worden“, sagt die Leiterin Martina Köpke-Lausch. Insgesamt gehören 15 Kinder zur Gruppe, weitere Mitstreiter sind stets willkommen.

Der Schriftzug „Team Opa Rolf“ prangte auf den Shirts von Jessica Ristau Benjakir und ihren Kindern Jasmin und Amir. Auch der Namensgeber, Rolf Kiel (91) aus Deinste, trug eines dieser Shirts und verfolgte die Läufe seiner Enkelin beziehungsweise Urenkelinnen im Zielbereich am Pferdemarkt. „Ich bin zufrieden, wie es gelaufen ist“, sagt Kiel. Familie Ristau Benjakir, die in Rotterdam lebt, hatte zufällig festgestellt, dass der Altstadt während ihres Besuchs in Deinste stattfindet und sich angemeldet.

Bei den Starts der einzelnen Läufe drücken die Zeitnehmer noch auf einen Knopf, damit die Uhr zu laufen beginnt. Alles andere ist automatisiert, erklärt Susan Radke. Die Hamburgerin arbeitet wie ihr Kollege Bjarne Kieckbusch für „race result“, ein Dienstleister für Zeitmessung bei Sportveranstaltungen. Jeder Teilnehmer in Stade war mit einem Chip ausgestattet, über den sich die Zeiten präzise ermitteln lassen. Die Ergebnislisten ließen sich daher schon wenige Minuten nach den einzelnen Läufen im Internet abrufen.

Meazit Gereziker ist stolz auf ihren Sohn Elias: „Er ist gerade erst Vier geworden und ohne große Hilfe gut gelaufen.“ Nach den 1,2 Kilometern des Bambinilaufs freute sich Elias – wie die alle knapp 120 Kinder – über eine Medaille. Er sei eher ein Fußballer, sagt Mama Meazit. Sie selbst ist Hobbyläuferin und hatte bereits am Altstadtlauf teilgenommen.

Eine weitere Familien-Staffel war die „Ehlers-Family“ mit Vater Ralf und seinen Kindern Maleen und Mats. „Die gute Stimmung an der Strecke hat uns sehr geholfen“, sagt Ralf Ehlers. Mit einer Zeit von 1:18:19 Stunden holte der Vater als Schlussläufer den siebten von neun Plätzen in der Endabrechnung. Familie Ehlers hält sich beim VfL Stade fit.

Beim Lauf der Schulen herrschte großes Gewusel auf dem Pferdemarkt. Doch Volker Kleenlof und seine Kollegen vom Sponsorenpool Stade 21 behielten den Überblick und brachten die richtigen Klassen an den Start. Diese starteten dann geschlossen im Zwei-Minuten-Takt. Eine große Herausforderung bei knapp 90 Klassen und 2000 Schülern.

Um 5 Uhr morgens lag Marten Gezici (32) erst im Bett. Er war auf einer Hochzeit in Hamburg und lief wenige Stunden später auf den fünften Platz über die zehn Kilometer (41:34 Minuten). „Ich wäre gerne 40 Minuten gelaufen, aber mit der ‚Vorbereitung‘ war das schwierig“, sagt Gezici, „vor allem die letzte Runde war sehr hart.“ Der Ex-Stader lebt inzwischen in Istanbul und arbeitet dort als Lehrer im Auslandsschuldienst.
Die Ergebnisse zum Altstadtlauf

Schülerlauf (2,5 km):

männlich: 1. Alisina Hossaini (Stade) 10:36 Min., 2. Lasse Elsen (VfL Stade LA) 10:57, 3. Flavio de Nittis (VfL Stade LA) 11:09.

weiblich: 1. Joanna Bülte (Apensen) 11:22, 2. Jodie Wahlen (VfL Stade LA) 11:44, 3. Merle Schmidt (VfL Stade LA) 12:07.

Hauptlauf (10 km):

männlich: 1. Dennis Dodt (Herbalife) 36:03), 2. Remo Quade, 36:04, 3. Jonas Wegers (Fischer) 36:24.

weiblich: 1. Svea Timm (Jork) 44:08, 2. Ariane Brems (Wildeshauser) 44:43, 3. Lea Allenberg (TuSV Bützfleth) 46:25.

Langstecke (15 km):

männlich: 1. Tomaschewski (Fischer) 53:46, 2. Stephan Krakow (SSV Einheit) 55:59, 3. Scharnewski (team buXtrade) 58:14.

weiblich: 1. Katharina Franke (Hamburg) 1:10:33 Std., 2. Pauluschke (Fredenbeck) 1:19:00, 3. Malena Rosek (Neu Wulmstorf) 1:19:47.

Teamstaffel (3 x 5 km): männl.:

1. Fischer Bargstedt 56:30 Std., 2. Sylt Running (Stade) 1:09:48.

weibl.: Laufgranaten (Hemmoor) 1:12:57, 2. Flying Apogirls (Medeum) 1:30:34.